500 Jahre Carolus Clusius

Können Sie sich eine Welt ohne Tulpen, Rosskastanien oder Flieder vorstellen? Auch wenn sie heute selbstverständlich in Gärten und Parks wachsen, in Vasen oder am Straßenrand stehen, zählen sie nicht zu den heimischen Pflanzen. Sie kommen aus unterschiedlichen Gegenden. Ihre Gemeinsamkeit ist, dass alle drei mit Carolus Clusius verbunden sind.

Polyglotter Naturforscher

Als Carolus Clusius am 19. Februar 1526 im damals flämisch-katholischen Arras als Charles de l’Écluse in einem protestantischen Elternhaus zur Welt kam, waren diese Pflanzen in Mitteleuropa noch unbekannt. In einem weltoffenen, gelehrten Umfeld im flämischen Leuven aufgewachsen, standen ihm viele Wege offen. Während seiner Studienjahre gelangte er nach Gent, Marburg und Wittenberg, nach Montpellier und Paris. Wie viele Zeitgenossen studierte er zunächst Philosophie und Rechtswissenschaften und wandte sich später der Medizin zu. In Montpellier war einer seiner Lehrer der Arzt Guillaume Rondelet (1507–1566), der seit 1545 Professor an der Medizinischen Fakultät der Universität war. Rondelet dürfte das bereits vorhandene Interesse an der Pflanzenwelt gefördert haben. 1564/1565 bot sich Clusius die Gelegenheit, gemeinsam mit dem schwäbischen Kaufmann Jakob III. Fugger nach Spanien zu reisen. Dort sammelte er zahlreiche Pflanzen, deren Beschreibungen er 1576 in Antwerpen unter dem Titel Rariorum aliquot stirpium per Hispanias observatarum historia [Geschichte einiger seltenerer in Spanien vorkommender Pflanzen] veröffentlichte. Nach seiner Rückkehr aus Spanien hielt sich Clusius in Brügge und Mechelen auf. Bereits in dieser Zeit war er in Briefkontakt mit zahlreichen Gelehrten und Diplomaten in Europa, darunter auch mit dem Flamen Ogier Ghislain de Busbecq (1522–1592), der von 1554–1562 als Diplomat des Kaiserhauses am Osmanischen Hof in Konstantinopel tätig war.

Vom liberalen, humanistischen Klima am Wiener Hof während der Regentschaft von Kaiser Maximilian II. (1527–1576) angezogen, kam Clusius im November 1573 nach Wien. Hier wurde er mit dem hohen Gehalt von 500 Gulden und vier Pferden in die Hofdienerschaft aufgenommen. Unter den zahlreichen protestantischen Künstlern und Gelehrten am Hof Maximilians II. waren viele, mit denen er bereits seit Jahren in Kontakt stand. Clusius‘ Aufgabe bestand in der Anlage und Betreuung eines Medizinalgartens an der Hofburg sowie der Betreuung der Pflanzenbestände am ab 1569 errichteten Schloss Neugebäude. Sein hoher Bildungsgrad und das hohe Gehalt verweisen darauf, dass er nicht als hortulanus [Gärtner] angestellt war, sondern den Rang eines aulae familiaris [zum Hof Gehöriger] innehatte.

 

Viele neue Pflanzen

Wien war zu dieser Zeit ein Knotenpunkt für Reisende zwischen Europa und dem Osmanischen Reich. Der Weg führte von Wien über Buda bis nach Konstantinopel. Im Gepäck von Händlern und Diplomaten befanden sich zahlreiche Pflanzen, die aus den Gärten sowie von Naturstandorten aus Vorderasien nach Wien gebracht wurden. Von hier aus wurden sie über die Netzwerke der Gärtner und Gelehrten rasch in Europa verbreitet. Carolus Clusius hatte einen wichtigen Anteil daran. Aufgrund seiner Kontakte hatte er außerdem Zugriff auf tropische Pflanzen aus der Neuen Welt, die auf Schiffen aus Mittel- und Südamerika in den Häfen Spaniens und Portugals ankamen.

Mit Clusius werden vor allem Tulpen (Tulipa) in Verbindung gebracht. Wann genau die ersten Tulpen nach Mitteleuropa gelangten, kann nicht exakt nachvollzogen werden. Die älteste bekannte Darstellung ist ein in Augsburg entstandenes Aquarell aus dem Jahr 1557. Ursprünglich stammt dieses Blatt aus dem Besitz des Züricher Arztes Conrad Gessner (1516–1565). 1561 veröffentlichte Gessner die erste Beschreibung einer Tulpe mit einem Holzschnitt nach dem Vorbild der Augsburger Tulpe. Bei dieser handelt es sich wohl um die Armenische Tulpe (Tulipa armena).

Es war jedoch eine andere Tulpen-Art, die bald in vielen Gärten Europas kultiviert wurde. Der kaiserliche Leibarzt Pietro Andrea Mattioli (1501–1578) beschrieb 1565 unter der Bezeichnung „Narcissus“ die so genannte Gartentulpe (Tulipa gesneriana). Der kaiserliche Gesandte am osmanischen Hof Ogier Ghislain de Busbecq (1522–1592) hatte ihm vermutlich 1562 Zwiebeln dieser Art aus Konstantinopel mitgebracht.

Im von Clusius angelegten kaiserlichen Medizinalgarten blühten 1575 Tulpen in rot, gelb und weiß. Im darauffolgenden Jahr hatte er im Anhang seines Werkes über die Flora Spaniens eine Gartentulpe beschrieben und in einem Holzschnitt abgebildet. Clusius‘ Verdienst war es, Zwiebeln der Gartentulpe über seine Netzwerke in Europa zu verbreiten.

Auch bei der Einführung der Rosskastanie (Aesculus) war Wien Drehscheibe und die Beteiligten sind uns bereits von der Tulpe bekannt. Erstmals erwähnt ist die Rosskastanie 1557 in einem Brief zwischen zwei Ärzten. Willem Quakelbeen (1527–1561), Arzt Ogier Ghislain de Busbecqs in Konstantinopel, schrieb an Pietro Andrea Mattioli, damals noch Leibarzt von Erzherzog Ferdinand. Publiziert wurde dieser Brief 1561 in Prag in Mattiolis Epistolarum Medicinalium libri quinque [Medizinische Briefe in fünf Büchern]. Das medizinische Interesse scheint im Vordergrund gestanden zu sein, denn Quakelbeen schreibt, dass in Konstantinopel diese „Casteanarum species“ wachse, die den Pferden bei Brustbeschwerden gegeben werde. Aufgrund der Ähnlichkeit nannte er sie nach der im Mittelmeerraum heimischen Edelkastanie (Castanea sativa). Es wird vermutet, dass diesem Brief bereits erste Kastaniensamen beilagen.

Zwei Jahre später publizierte Mattioli eine erste Abbildung der Rosskastanie in seinem auf Deutsch erschienenen New Kreüterbuch. In den folgenden Jahren gelangten immer wieder Samen von Rosskastanien aus Konstantinopel an verschiedene Orte in Mitteleuropa und wurden hier in Gärten kultiviert.

1583 beschreibt Carolus Clusius in Rariorum aliquot stirpium, per Pannoniam, Austriam, & vicinas quasdam provincias observatarum historia [Geschichte seltenerer Pflanzen in Pannonien, Österreich und benachbarter Provinzen beobachtet] dass David Ungnad, der Nachfolger Busbecqs als kaiserlicher Botschafter in Konstantinopel, ihm Samen von der Rosskastanie geschickt habe.

Ähnliches gilt für den Flieder, der ebenfalls in den Gärten in Konstantinopel kultiviert wurde und dort wie die Rosskastanie nicht heimisch war. Fast gleichzeitig tauchte der Flieder in Venedig, Padua und Wien auf. Der kaiserliche Leibarzt Mattioli beschreibt 1565 erstmals den Flieder mitsamt einer Abbildung. Busbecq habe die Pflanze aus Konstantinopel unter dem Namen „Lilac“ mitgebracht und kultiviere sie in seinem Garten in Wien. Clusius schreibt 1601, dass Mattioli die Pflanze „Lilac“ nenne. Er selbst bezeichnet sie als Syringa, dem bis heute gültigen Gattungsbegriff.

Flieder und Rosskastanien wurden rasch in den Gärten in Wien gepflanzt. Im Garten der Katterburg, dem späteren Schönbrunn, sind Rosskastanien ab 1604 nachweisbar, Flieder war in Form von Laubengängen gepflanzt.

 

Zur Zierde der Gärten

Wie der von Clusius angelegte kaiserliche Medizinalgarten an der Hofburg aussah, ist nicht bekannt. Zeitgenössische Darstellungen mitteleuropäischer Gärten lassen Rückschlüsse zu.

Lange Zeit waren nur wenige Blumenzwiebeln vorhanden. Auch war das Wissen um ihre Kultivierung und Vermehrung anfangs gering. Mitunter landeten Blumenzwiebeln auch auf dem Teller statt im Beet. Sie waren wertvolle Kostbarkeiten und wurden in den Beeten wie Kunstwerke präsentiert.

Wir sind heute an den Anblick farbenprächtiger, dichter Pflanzungen von Frühjahrsblühern in Beeten und Rabatten gewohnt. Bis weit in das 17. Jahrhundert hinein wurden Blumenzwiebeln jedoch mit großem Abstand in die Beete gesetzt.

Anlässlich des 500. Geburtstages von Carolus Clusius erfolgt 2026 die Frühjahrsbepflanzung im Kronprinzengarten im Schlosspark Schönbrunn nach dem Vorbild von Blumenbeeten aus dem 16. und 17. Jahrhundert.

Claudia Gröschel