Fleischfresser im Pflanzenreich - Wunder der Natur oder Frevel gegen die göttliche Ordnung?

Fleischfressende Pflanzen stellen ein Faszinosum dar. Ihre vielgestaltigen Fallen sind nicht nur schön, sondern auch tödlich. Ob es nun klebrige, in der Sonne glitzernde oder zu Krügen umgeformte Blätter, zuschnappende Klappfallen oder blitzschnelle Saugfallen sind, sie alle bedeuten Verderben für ihre Beute.

Auch wenn die Gesamtzahl der fleischfressenden Pflanzen mit über 800 Arten nur einen sehr geringen Anteil an den mehr als 260.000 Gefäßpflanzen bilden, können sie durchaus als erfolgreiche evolutionäre Entwicklung betrachtet werden. Die Fähigkeit, tierische Nahrung zu verwerten, und die dazugehörigen unterschiedlichen Fallentypen haben sich mehrfach in verschiedenen Pflanzenfamilien entwickelt. Sie besiedeln vor allem nährstoffarme Habitate wie etwa Moore, Sandhalden, felsige Berghänge oder salzhaltige Küstenstreifen. Bevorzugt werden auch stark sonnenexponierte Standorte.

Dass Pflanzen Tiere fangen und festhalten, ist in der Natur häufiger als man glaubt. So haben zum Beispiel manche Pflanzen Vorrichtungen, um sich vor Fressfeinden zu schützen. Vor allem klebrige Blätter erfüllen diesen Zweck. Eine weitere Methode sind Haltevorrichtungen, um bestäubende Insekten möglichst lange in der Blüte zu halten und so den Bestäubungserfolg zu maximieren. Ein Beispiel hierfür ist der in weiten Teilen Europas heimische Arum maculatum, der gefleckte Aronstab. Er entlässt seine Blütengäste erst nach erfolgter Bestäubung. Auch autonome Bewegungen, die beispielsweise bei der Gattung Drosera, dem Sonnentau, beobachtet werden können, sind kein auf fleischfressende Pflanzen beschränktes Phänomen. Man denke an das schnelle Zusammenfalten der Blätter bei Mimosa pudica, der Sinnpflanze, oder die Bewegung des Blütenkopfes einer Sonnenblume im Tagesverlauf.

Das Fangen und gelegentliche Töten wurde von vielen Botanikern und Kräuterkundlern bereits in der Antike beobachtet und zur Kenntnis genommen. Doch dass diese gefangenen Tiere der Ernährung dienen könnten, schien undenkbar. Warum undenkbar? Nun, immerhin ist die Bibel hier recht eindeutig. Im ersten Buch Mose der Genesis heißt es in Vers 30: „Allen Tieren des Feldes, allen Vögeln des Himmels und allem, was sich auf der Erde regt, was Lebensatem in sich hat, gebe ich alle grünen Pflanzen zur Nahrung. So geschah es.“

Dass Tiere den Pflanzen als Nahrung dienen könnten, erschien bis weit in das 19. Jahrhundert als abwegig. Auf die Probe gestellt wurde diese Gewissheit mit der Entdeckung einer seltsamen Pflanze in der Neuen Welt. Heute kennen wir sie als Venusfliegenfalle. Sie ist in North und South Carolina beheimatet und war den dortigen Ureinwohnern mit Sicherheit bekannt. Leider kennen wir deren Bezeichnung für diese Pflanze nicht. Der erste Europäer, der von ihr berichtete, war der Gouverneur Arthur Dobbs, der sie 1759 in einem Brief an den englischen Naturforscher Peter Collinson erwähnte. Später gelangte der Londoner Kaufmann und Kaffeehändler John Ellis in den Besitz eines lebenden Exemplars und publizierte die Venusfliegenfalle 1768 unter dem bis heute gültigen wissenschaftlichen Namen Dionaea muscipula. Der Gattungsname Dionaea leitet sich ab von Dione, der Mutter der Aphrodite (röm. Venus), der Artname muscipula bedeutet übersetzt Mausefalle und deutet die besondere Funktion ihrer Blätter an. Diese bestehen aus zwei Blatthälften, die an der Innenseite über sensitive Borsten verfügen, die bei mehrmaligem Berühren das Zusammenklappen des Blattes bewirken. John Ellis vermutete bereits damals, dass dieses Zusammenklappen und Festhalten der Beute der Ernährung dienen könnte. Er sandte Material und eine genaue Beschreibung der Pflanze an den berühmten Botaniker und Vater der Nomenklatur Carl von Linné. Dieser zeigte sich angetan von dem Material und nannte die Pflanze ein Miraculum Naturae, also ein Wunder der Natur. Dass sie aber zum Zweck der Ernährung Tiere fängt, verneinte er kategorisch mit Hinweis auf die göttliche Ordnung und vermutete stattdessen eine Schutzfunktion. Diese Meinung blieb nicht zuletzt Kraft der Autorität des Botanikers Carl von Linné gut 100 Jahre vorherrschend.

Niemand geringerem als Charles Darwin gelang es schließlich, mit dieser Meinung aufzuräumen. Ab 1860 beschäftigte er sich mit diesem Thema. Wichtigster Untersuchungsgegenstand war Drosera rotundifolia, der rundblättrige Sonnentau, den er in großer Zahl auf den Heiden von Sussex fand. Er zählte Insekten auf den klebrigen Blättern und fütterte sie mit Käse, Eiweiß und Ammoniaksalz, aber auch unverdaulichen Materialien. Seine Versuche führten zu der ersten großen wissenschaftlichen Publikation zu diesem Thema. Er veröffentlichte seine Ergebnisse 1875 unter dem Titel Carnivorous Plants. Bereits ein Jahr später erschien das Buch in deutscher Übersetzung. Es fand großen Widerhall in der wissenschaftlichen Welt und führte zu einer bis heute anhaltenden Faszination für fleischfressende Pflanzen.

Karnivore Pflanzen in Schönbrunn

Die Geschichte der Schönbrunner Karnivorensammlung beginnt – wie so viele andere Teile der historisch wertvollen Pflanzensammlungen der Österreichischen Bundesgärten – mit Nikolaus Joseph Jacquin, der von 1754 bis 1759 im Auftrag des Kaisers eine Forschungsexpedition in die Karibik unternahm. Er fand auf Martinique Utricularia alpina und beschrieb sie als Utricularia montana, da er sie in großer Höhe gefunden hatte. Sie überstand die weite Seereise zurück nach Wien wohl nicht, da sie in den damaligen Pflanzeninventaren nicht zu finden ist. Die ersten in Schönbrunn nachweisbaren karnivoren Pflanzen sind Drosera cistiflora und Drosera capensis, zwei südafrikanische Sonnentauarten. Sie waren Teil der sehr erfolgreichen Sammelreise von Franz Boos und Georg Scholl, die ab 1785 Pflanzen in der Kapregion für den Kaiser sammelten. Scholl sandte die Samen dieser beiden Arten 1792 nach Wien.

Mit der Publikation von Darwins Buch und der verbesserten Verfügbarkeit von Pflanzen durch spezialisierte Gärtnereien wie Veitch and Sons, ein in London ansässiges Unternehmen, erstarkte das Interesse an karnivoren Pflanzen Ende des 19. Jahrhunderts. In Schönbrunn wurde die Sammlung durch die beiden Gärtner Carl Diesner und Josef Laschke erweitert. Dieser Grundstock wurde 1911 von dem Schönbrunner Orchideenkultivateur Anton Hefka übernommen. So wie schon bei den Orchideen zeigte Hefka großes Geschick in der Kulturführung, aber auch in der Züchtung und schuf einige neue Hybriden von Sarracenia, den Schlauchpflanzen. Neben seiner Schöpfung Sarracenia x schoenbrunnensis ehrte er auch seine Vorgänger mit Sarracenia x diesneriana und Sarracenia x laschkei. Seinem väterlichen Förderer, Gartendirektor Anton Umlauft, widmete er Sarracenia x umlauftiana.

In der Folge erlebten die Sammlungen schwierige Zeiten. Während des Ersten und Zweiten Weltkriegs führten der Mangel an Heizmaterial, zerstörte Glashäuser und ähnliche Widrigkeiten zu einem Auf und Ab in den Pflanzenbeständen. Die teils schwierige Kultur von karnivoren Pflanzen führte in dieser Zeit zu besonders großen Verlusten.

In den 1980er Jahren begann man wieder intensiver zu sammeln und allmählich konnte erneut ein ansehnlicher Bestand aufgebaut werden. Besonderen Stellenwert besitzt die Kollektion von verschiedenen Sarracenia und deren Hybriden, darunter die historischen Sorten Hefkas, und eine Sammlung seltener in Australien beheimateter Drosera. Die Sammlung dient neben dem Erhalt bedrohter Arten Ausstellungszwecken und steht Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern der Universität Wien für Forschung und Lehre zur Verfügung.

Vom 17. Juli bis zum 15. August 2021 können die Besucherinnen und Besucher des Palmenhauses im Schlosspark Schönbrunn in der Ausstellung „Mord im Glashaus“ tief in die wunderbare Welt der fleischfressenden Pflanzen eintauchen.

Manfred Edlinger

 

 

Veröffentlicht am 09.07.2021