Beruf: Sesselfrau

Besonders im Herbst und im Frühjahr sind die langen Sesselreihen entlang des Rosenparterres im Wiener Volksgarten ein beliebter Rastplatz. Genießt man hier die noch oder schon wärmende Sonne, kommt man immer wieder mit anderen Parkbesucherinnen und Besuchern ins Gespräch. Und bisweilen wird man von älteren Wienerinnen und Wienern gefragt, ob man eigentlich wisse, dass früher für die Benutzung der Sessel gezahlt werden musste und dass es Sesselfrauen gegeben habe, die streng über die rechtmäßige Bezahlung wachten.

Gärten waren seit der Antike, neben dem Anbau von Obst und Gemüse, Orte, die für den Spaziergang und den erholsamen, oft auch lehrreichen Aufenthalt im Freien gedacht waren. Für das längere Verweilen waren und sind geeignete Sitzgelegenheiten erforderlich. Aus Beschreibungen, aber auch aus bildlichen Quellen ist bereits seit dem späten Mittelalter die Existenz so genannter Rasenbänke überliefert.

Später wurden Bänke aus Stein, aus Holz oder aus Gusseisen an unterschiedlichen Orten im Garten aufgestellt: sei es abgeschieden in einem Boskett, um ungestört zu sein, sei es an prominentem Ort, um den Blick auf einen besonderen Point-de-vue zu lenken, oder um das Flanieren anderer Spaziergänger beobachten zu können. 

Im 19. Jahrhundert, als viele fürstliche Gärten für das allgemeine Publikum geöffnet wurden, mussten neue Sitzmöglichkeiten geschaffen werden. Gleiches gilt für die nun in vielen Städten geschaffenen Volksgärten. In Wien gab es sogar zwei: der 1823 vom Kaiserhaus in Auftrag gegebene Volksgarten sowie der von der Gemeinde Wien 1862 eröffnete Stadtpark. Über den Volksgarten ist in der 1824 erschienenen Beschreibung des kais. königl. Volksgartens […] zu lesen: „Nach allen Richtungen durchschneiden diesen wahrhaft paradiesischen Aufenthaltsort Alleen, in denen zur Bequemlichkeit des ihn Besuchenden Ruhebänke errichtet sind.“

Bald reichten jedoch die vorhandenen Bänke für die immer größer werdende Zahl der Besucherinnen und Besucher nicht mehr aus. In immer mehr Anlagen waren nun auch bewegliche Sessel zu finden. Jede und jeder Parisreisende kennt die zahlreichen eisernen Sessel und Fauteuils in den historischen Gärten der Stadt. In Eduard Manets Gemälde Musik im Tuileriengarten von 1862 sind die Vorgängermodelle der heutigen Sessel zu sehen. Bis in die 1960er Jahre noch gegen eine geringe Gebühr auszuleihen, kann man sie heute in den Tuilerien, im Jardin du Luxembourg oder im Garten des Palais Royal gratis benutzen und an jeden beliebigen Ort in der Anlage transportieren, um dort zu verweilen.

In den städtischen und den kaiserlichen Gärten in Wien gab es ebenfalls derartiges Sitzmobiliar. Das für die k. k. Hofgärten verantwortliche Obersthofmeisteramt hatte in den 1860er Jahren an den privaten Unternehmer Carl Rohrwasser kostenpflichtige Lizenzen zum Aufstellen von Leihsesseln vergeben. Diese Lizenzen wurden regelmäßig erneuert. Die Firma Rohrwasser beschäftigte so genannte Sesselfrauen, die gegen Gebühr die Sessel verliehen und für das Reinigen, Aufstellen und Einsammeln verantwortlich waren. 

Im Laufe der Zeit wurden die Mängel dieses Systems jedoch unübersehbar. Da die Sesselfrauen nicht ausreichend entlohnt wurden, beklagten sie sich scheinbar bei den Besucherinnen und Besuchern, erwarteten Trinkgeld, um ihren schmalen Lohn aufzubessern, und auch der Zustand der Leihsessel entsprach wohl nicht immer den Erwartungen. 

Im Jahr 1906 plante daher das Obersthofmeisteramt gemeinsam mit der Hofgartendirektion, den Verleih der Sessel selbst zu organisieren. Außerdem wollte man den Erlös des Sesselverleihs dem Unterstützungsfonds für das Hofgartenpersonal zur Verfügung stellen.

Wie in den kaiserlichen Hofgärten ein eigenes Leihsesselsystems aufgebaut wurde, ist in einem umfangreichen Aktenkonvolut im Haus-, Hof- und Staatsarchiv in Wien nachzulesen.  

Zunächst mussten geeignete Sessel beschafft werden. Dafür wurden von mehreren Firmen Kostenvoranschläge eingeholt. Kriterien für die Auswahl waren bequemes Sitzen, einfaches Zusammenlegen sowie eine solide Ausführung. Die Auswahl fiel schließlich auf die Metall- und Siebwarenfabrik Hutter & Schrantz mit Firmensitz in der Wiener Windmühlgasse. Im Frühjahr 1907 wurden insgesamt 3.000 Sessel bestellt. Bei der Stückzahl orientierte man sich an den Erfahrungen des bisherigen privaten Sesselverleihers. Im stark frequentierten Volksgarten sollte die bisherige Anzahl von 1.200 Sesseln beibehalten werden. Die Sessel waren vor allem in den sternförmig zum Theseustempel führenden Alleen aufgestellt. Für den Prater plante man 700 Sessel, für den Belvederegarten 100, im Augarten 200 und im Schlosspark Schönbrunn 800. In Schönbrunn, wo es bisher nur im Vorpark Leihsessel gegeben hatte, sollten sie nun am Palmenhaus und an der Gloriette aufgestellt werden, jedoch nicht im Parterre, da dies der bevorzugte Spaziergang des Kaisers war. Im Parterre erachtete man die aufgestellten Bänke als ausreichend.

Man rechnete damit, dass eine Sesselfrau 200 Sessel betreuen konnte. Neben Frauen von Gartenbediensteten, beziehungsweise deren Witwen, sollten auch Frauen aufgenommen werden, die bisher bei der Firma Rohrwasser beschäftigt waren. Entlohnt wurden die Sesselfrauen mit 2 Kronen täglich, jedoch nur an den Tagen, an denen sie arbeiteten. Bei Schlechtwetter und in den Wintermonaten erhielten sie keinen Lohn. Der Dienst war von 9 Uhr morgens bis zum Einbruch der Dunkelheit zu verrichten. Die Annahme von Trinkgeldern und Geschenken war verboten.

Damit die Sesselfrauen gut erkennbar waren, bekamen sie eine Dienstkleidung, die aus schwarzem Gewand, weißen Hauben und einer gelb-schwarzen Armbinde mit Adler bestand. Auch benötigten sie weitere Utensilien, um ihre Arbeit zu verrichten. Dazu gehörten Karten, mit der die bezahlte Leihgebühr nachgewiesen werden musste, eine Decoupierzange zum Entwerten dieser Karten und ein Tuch zum Reinigen der Sessel. Damit diese Gegenstände und der Schlüssel für das Sesseldepot sicher transportiert werden konnten, wurden bei einer Lederwarenfabrik Taschen bestellt.

Die k. k. Hofgärten waren beliebte Aufenthaltsorte der städtischen Bevölkerung und die Nachfrage nach den Leihsesseln war weitaus höher als erwartet. Im Mai 1907 wurden allein an vier Tagen im Volksgarten 8.106 Sesselkarten à 4 Heller (etwa 0,20 Euro) verkauft. Die Einnahmen durch die Sesselkarten waren wesentlich höher als die erlösten Eintritte in das Schönbrunner Palmenhaus.

Die Sesselfrauen gab es sowohl in den städtischen Parks als auch in den ehemaligen kaiserlichen Gartenanlagen, die seit 1919 von den Österreichischen Bundesgärten betreut werden. Sie waren eine feste Institution und wurden sowohl im Wienerlied als auch in literarischen Beschreibungen thematisiert. In den Personalakten der Österreichischen Bundesgärten sind bis 1961 Sesselfrauen verzeichnet.

Vor dem Palmenhaus im Schlosspark Schönbrunn standen bis nach dem Zweiten Weltkrieg noch Sessel. Laut Zeitzeugenberichten war dort die Benutzung mittlerweile gratis. Es gab jedoch ältere Frauen, die Sitzpolster gegen ein geringes Entgelt verliehen und für den ordentlichen Zustand der Sessel verantwortlich waren. Aus den Sesselfrauen waren Polsterfrauen geworden.

Von den ursprünglich 3.000 Sesseln der Firma Hutter & Schrantz sind noch etwa 800 vorhanden. Der größte Teil steht während der Sommermonate heute im Volksgarten. Bezahlen muss man für ihre Nutzung schon lange nicht mehr. Ältere Besucherinnen und Besucher im Volksgarten erzählen bisweilen von den strengen Sesselfrauen, die die Leihsessel hüteten. Die Zeiten der strengen Frauen sind zwar lange vorbei, aber bis heute werden die Sessel im Herbst eingesammelt und während der Wintermonate in den Werkstätten der Österreichischen Bundesgärten repariert und gestrichen, damit sie in der kommenden Saison wieder Ruhesuchende zum Verweilen einladen.

Claudia Gröschel

Veröffentlicht am 17.11.2021