Spekulationsobjekt Pflanze

Dank zahlreicher Publikationen, Ausstellungen, Romane und deren Verfilmungen ist das Wissen um die Tulpomanie in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts weit verbreitet. Tulpenzwiebeln waren wohl die ersten pflanzlichen Spekulationsobjekte, jedoch nicht die letzten.

Die Spekulationen mit Tulpenzwiebeln Anfang des 17. Jahrhunderts hatten in den Niederlanden den ersten Börsencrash ausgelöst. Tulpen waren als diplomatisches Geschenk Mitte des 16. Jahrhunderts vom Osmanischen Sultan in Konstantinopel an den Kaiserhof nach Wien geschickt worden. Der kaiserliche Hofmedicus Pietro Mattioli hatte 1565 unter dem Namen Narcissus eine Tulpe in einem Arzneibuch veröffentlicht. Der Hofbotaniker Carolus Clusius ließ die Zwiebeln in den kaiserlichen Gärten in Wien kultivieren und verbreitete sie in weiten Teilen Europas. Rasch wurde die Tulpe zu einer beliebten Modepflanze. Fürsten, wohlhabende Bürger, Botaniker und Sammler kultivierten Tulpenzwiebeln in ihren Gärten.

Zwiebelpflanzen werden in der Regel vegetativ über Tochterzwiebeln vermehrt. Anders als bei der massenhaften Vermehrung über Aussaat sind bei der Vermehrung über Tochterzwiebeln die Mengen eher begrenzt. Die sprunghaft angestiegene Nachfrage konnte daher nicht mehr befriedigt werden. Bald wurden Tulpenzwiebeln auch an der Börse mit Optionsscheinen gehandelt. Diese Termingeschäfte waren entsprechend lukrativ. Ab den 1620er Jahren stiegen die Preise kontinuierlich an, da sich nun immer mehr Spekulanten an den Termingeschäften beteiligten. Gehandelt wurde über das gesamte Jahr und geliefert wurde in der Regel zur Pflanzzeit der Zwiebeln im Spätsommer. Wie die Blüte aussah, konnten die Käufer zu diesem Zeitpunkt nicht wissen. Sie mussten sich auf die Aussagen der Händler verlassen. Käufer gingen ein hohes Risiko ein, da Ernteverlust und gefälschte Zertifikate regelmäßig vorkamen. Auch wurden die Zwiebeln meist gar nicht mehr vom Käufer im Garten ausgepflanzt, sondern waren nur noch Spekulationsobjekt und wurden als Zwiebel weitergegeben. Im Februar 1637 hatte die Preisspirale schließlich ihren Höhepunkt erreicht. Eine Zwiebel der Sorte ‘Semper Augustus‘ kostete 10.000 Gulden, während das jährliche Durchschnittseinkommen in den Niederlanden gerade mal 150 Gulden betrug. Als Käufer bei den Auktionen nicht mehr bereit waren immer höhere Preise zu zahlen, kam es zu Panikverkäufen und die Preise fielen um 95 %. Viele Spekulanten aus allen Gesellschaftsschichten hatten ihr gesamtes Vermögen verloren.

Das Tulpenfieber war wohl in seinem Ausmaß ein einmaliges Ereignis, die Spekulation mit Pflanzen ist jedoch ein immer wiederkehrendes Phänomen.

1856 erwarb der Brüsseler Botaniker Jean Linden im Londoner Auktionshaus J. C. Stevens eine außergewöhnliche Begonienart. Stevens war auf naturwissenschaftliche Objekte und Pflanzen spezialisiert und versteigerte Begonia rex für die sehr hohe Summe von 10.000 Francs. Diese Pflanze hatte Charles J. Simons aus Assam eingeführt. Mit ihren bunt gemusterten Blättern entsprach sie dem Geschmack des viktorianischen Zeitalters. Bereits 1857 wurde der Begonia rex in Fachzeitschriften aufgrund ihres schönen Blattes eine große Zukunft vorausgesagt. Nach erfolgreicher Vermehrung verkaufte Jean Linden Anfang 1858 schöne Exemplare für 50 Francs. Aufgrund der einfachen Vermehrung von Begonien durch Blattteilstecklinge war nach wenigen Monaten der Preis bereits auf 1-2 Francs pro Pflanze gefallen. 1860 waren in den Botanischen Sammlungen im Schlosspark Schönbrunn bereits schöne Exemplare von Begonia rex vorhanden. Auf welchem Weg sie in die Sammlung gekommen waren und wieviel dafür bezahlt wurde, ist leider nicht bekannt.

Auch mit fleischfressenden Pflanzen ließen sich gute Geschäfte machen. Eine herausragende Bedeutung hatte hier die Gärtnerei James Veitch & Sons. Vor allem Orchideen und fleischfressende Kannenpflanzen gehörten zu den Verkaufsschlagern und wurden ausgehend von Veitch & Sons über ganz Europa verbreitet. Für diese begehrten Exoten wurden teils horrende Preise verlangt. Für die ausschließlich auf Mount Kinabalu auf Borneo vorkommende Kannenpflanze Nepenthes lanata (N. villosa) wurde im Katalog von 1876–1877 ein Preis von 210 englischen Schilling verlangt. Phalaenopsis schilleriana war ab 42 Schilling zu haben. Das war mehr als der doppelte Wochenlohn eines Polizisten der Metropolitan Police, der Mitte des 19. Jahrhunderts etwa 20 Schilling in der Woche betrug.

Die außergewöhnlichen Formen der Blüten und die große Vielfalt in der Familie der Orchideengewächse faszinierten im 19. Jahrhundert immer mehr Pflanzenliebhaber. Die Nachfrage nach den Schönheiten aus den Tropen war kaum zu stillen. Pflanzenjäger grasten auf eigenes Risiko oder im Auftrag von Handelsgärtnereien die tropischen Wälder ab. Auf der Suche nach neuen Gattungen und Arten wurden die Orchideen an manchen Naturstandorten fast ausgerottet.

Bis heute gibt es Pflanzen, für die horrende Preise verlangt werden. Ebenso hält das Orchideenfieber bis heute an. Dank moderner internationaler Pflanzenschutzgesetze ist heute der Handel mit Wildpflanzen von Naturstandorten offiziell nicht mehr möglich. Gleichzeitig wächst die Nachfrage und damit auch das illegale Geschäft. Eine dieser seltenen Pflanzen ist Paphiopedilum sanderianum. Sie steht im Anhang I der CITES-Liste (Übereinkommen über den internationalen Handel mit gefährdeten Arten freilebender Tiere und Pflanzen), der besagt, dass der gewerbliche Handel mit Wildpflanzen vom Naturstandort strikt untersagt ist. Wegen ihrer bis zu einem Meter langen Blütenblättern ist sie bei Sammlern ausgesprochen begehrt. Nachdem sie 1885 von dem Pflanzensammler J. Förstermann in Sarawak entdeckt worden war, galt sie bald am Naturstandort als ausgestorben. Auch in Kultur war sie lange nicht mehr vorhanden. Seit ihrer Wiederentdeckung Ende der 1970er Jahren zahlen Orchideenfanatiker mehrere Tausend Dollar für eine mehrtägige, beschwerliche Wanderung durch den tropischen Regenwald in Borneo, um von Einheimischen an die streng geheimen Naturstandorte geführt zu werden und dort Fotos zu machen. Für erwachsene, nichtblühende Pflanzen aus gärtnerischer Kultur werden bis zu 500 € verlangt.

Claudia Gröschel

Veröffentlicht am 14.04.2021